Gesundheitskompetenz

Herkunft und Begrifflichkeit

Das Thema Health Literacy, im deutschen Sprachraum als Gesundheitskompetenz übersetzt, wird seit Ende der 1990er Jahre vermehrt erforscht und diskutiert und hat vor allem auch auf der Politikebene Gehör gefunden. Hintergrund dieser Entwicklung ist das zunehmend komplexe Gesundheitssystem mit dem immer grösser werdenden Angebot von Produkten, Dienstleistungen und Behandlungsmöglichkeiten und den vielfältigsten Informationen aus unterschiedlichen Quellen. Damit die potentiellen Nutzerinnen und Nutzer mit dieser Fülle von teilweise sogar widersprüchlichen Informationen umgehen können, braucht es bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten. Diese notwendigen Fähigkeiten und Fertigkeiten werden mit dem Begriff der Gesundheitskompetenz umschrieben.

Gesundheitskompetenz ist ein noch junges Konzept, was sich auch in der noch uneinheitlichen Begrifflichkeit zeigt. Am häufigsten wird Gesundheitskompetenz umschrieben als die Fähigkeit, Zugang zu Gesundheitsinformationen zu haben, diese zu verstehen und im Alltag umzusetzen. Etwas breiter ist die folgende Definition: „Gesundheitskompetenz ist die Fähigkeit des Einzelnen, im täglichen Leben Entscheidungen zu treffen, die sich positiv auf die eigene Gesundheit und die Gesundheit anderer auswirken.“

Unterschiedliche Richtungen

Das Konzept Gesundheitskompetenzen kann in zwei Hauptrichtungen mit unterschiedlichen Wurzeln und Entstehungsgeschichten unterteilt werden. Die eine Richtung kommt aus dem klinischen Umfeld, bekannt auch unter dem Begriff Patientenkompetenz (medical literacy oder patient health literacy). In diesem Kontext beschreibt Health Literacy die Fähigkeiten, die eine Patientin oder ein Patient haben muss, um Informationen lesen, verstehen und umsetzen zu können.

Die andere Richtung ist die Public Health orientierte Gesundheitskompetenz. Diese ist entsprechend dem Public Health Verständnis umfassender definiert. Sie soll Menschen befähigen oder ermächtigen, dass sie selbstbestimmte Gestaltungs- und Entscheidungsfreiheiten bezüglich Gesundheit wahrnehmen können. Hier wird betont, dass es sich nicht nur um kognitive Fähigkeiten handelt, sondern um umfassende soziale und kulturelle Kompetenzen, die insbesondere durch den Empowermentansatz gefördert werden können.

Ein Modell für Gesundheitskompetenz

Für die Kategorisierung der Gesundheitskompetenz gibt es unterschiedliche Modelle. Das bekannteste ist von Don Nutbeam, das von drei Ebenen ausgeht:

  • Funktionale Gesundheitskompetenz umschreibt Grundkompetenzen für das Lesen und Verstehen von Gesundheitsinformationen und für die Nutzung von Angeboten.
  • Kommunikative, interaktive Gesundheitskompetenz umfasst kognitive und soziale Kompetenzen, die es ermöglichen, sich aktiv mit Informationen auseinanderzusetzen und in Handlung umsetzen.
  • Kritische Gesundheitskompetenz beschreibt fortgeschrittene kognitive und soziale Kompetenzen, die kritische Analysen und einen kritischen Umgang von Informationen ermöglichen.

Für die empirische Überprüfung dieses Konzepts wurden bislang primär Studien umgesetzt, die die funktionale Kompetenz berücksichtigen. Ein Studiendesign, das alle drei Ebenen umfasst, fehlt bislang.

Herausforderungen

Vorhandene Studien zeigen, dass zwischen den Anforderungen, die sich im Gesundheitswesen stellen, und den vorhandenen Kompetenzen in verschiedenen Bevölkerungsgruppen, Diskrepanzen bestehen. Untersuchungen in den USA weisen auch darauf hin, dass fehlende Gesundheitskompetenz zusätzliche Gesundheitskosten generiert.

Damit diese Ergebnisse für die Praxis der Gesundheitsförderung fruchtbar gemacht werden können, sind einheitliche Grundlagen zu schaffen, angefangen bei der Begrifflichkeit, den Modellen und entsprechenden adäquaten Messinstrumenten. Notwendig ist auch eine begriffliche Schärfung oder Abgrenzung zwischen der Klinischen und der Public Health- orientierten Gesundheitskompetenz.

Es sollte beachtet werden, dass Projekte der Gesundheitsförderung und Prävention bereits die Förderung des Kompetenzerwerbs (als Voraussetzung für mehr Kontrolle über ihre Gesundheit) durch die Arbeit mit Methoden wie Empowerment und Partizipation in Settings und Zielgruppen beinhalten.

Literaturhinweise

  • Abel,T.; Bruhin, E. (2003). Health Literacy / Wissensbasierte Gesundheitskompetenz. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.). Leitbegriffe der Gesundheitsförderung, S. 128-131. Schwabenheim: Sabo.
  • Kickbusch, I.; Maag, D.; Saan, H. (2005). Enabling healthy choices in modern health societies. Badgastein: European Health Forum. [Link/Download]
  • Nielsen-Bohlman et al (ed.) (2004). Health literacy. A prescription to end confusion. Institute of Medicine (US). Committee on Health Literacy. Washington: The National Academies Press. [Link/Download]
  • Nutbeam D. (2000) Health literacy as a public health goal: a challenge for contemporary health education and communication strategies into the 21st century. Health Promotion International, Vol. 15, No. 3, 259-267, September 2000. [Link/Download]
  • Schweizerisches Rotes Kreuz (Hrsg.), (2009). Gesundheitskompetenz zwischen Anspruch und Umsetzung. Zürich: Seismo Verlag.
  • Soellner, R. et. al. (2009). Gesundheitskompetenz – ein vielschichtiger Begriff. Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 17, 3, 105-113.
  • Sie haben sich bislang noch nicht mit dem Konzept der Gesundheitskompetenz auseinandergesetzt.
  • Es ist schwierig, das anspruchsvolle Konzept der Gesundheitskompetenz für konkrete Projekte nutzbar zu machen.

In der Gesundheitsförderung ist die Befähigung zu mehr Kontrolle über die eigene Gesundheit eine zentrale Zielsetzung. Wenn Sie in Ihr Projekt Kernelemente der Gesundheitskompetenz aufnehmen, dann tragen Sie dazu bei, wesentliche gesundheitsrelevante Fähigkeiten und Fertigkeiten zu fördern.

  • Setzen Sie sich mit dem Konzept Gesundheitskompetenz auseinander.
  • Prüfen Sie, welche Kompetenzen in der Zielgruppe bereits vorhanden sind und welche ergänzend aufgebaut werden können.
  • Haben Sie eine konkrete Vorstellung davon, wie Sie das Konzept der Gesundheitskompetenzen für die Praxis nutzen können?
  • Welche Kompetenzen erachten Sie für das Setting oder die Zielgruppe in Ihrem Projekt als zentral und wie können Sie diese konkret fördern?
  • Durch welche Massnahmen möchten Sie konkret Gesundheitskompetenzen vermitteln?